KI-Verordnung nach dem Digital Omnibus: Was KMU jetzt wissen und tun müssen
Aufschub mit Hintertür
Die Nachricht klingt gut: Der Digital Omnibus (Verordnung EU 2026/1744), in Kraft seit dem 27. Juli 2026, verschiebt die Hochrisiko-KI-Pflichten um 16 Monate. Wer dachte, ab August 2026 brauche er ein Risikomanagementsystem für seine KI-Tools, hat jetzt bis zum 2. Dezember 2027 Zeit.
Das Problem: Viele Betriebe interpretieren den Aufschub als Entwarnung für alles. Das ist falsch. Drei Pflichten der EU KI-Verordnung (EU) 2024/1689 gelten bereits — und die Marktüberwachungsbehörden sind seit dem 2. August 2026 aktiv.
Was der Digital Omnibus konkret verschoben hat
Die Verordnung (EU) 2026/1744 ändert die Anwendungsfristen für Hochrisiko-KI-Systeme:
- Eigenständige Hochrisiko-Systeme (Anhang III): Stichtag verschoben von 02.08.2026 auf 02.12.2027
- Produktintegrierte Hochrisiko-Systeme (Anhang I): Stichtag verschoben von 02.08.2027 auf 02.08.2028
- Neue Verbote (Deepfakes etc.): Ab 02.12.2026 gelten zusätzliche Verbote für Intimate Deepfakes und KI-generiertes Missbrauchsmaterial
Das materielle Pflichtenprogramm für Hochrisiko-KI — Risikomanagementsystem, technische Dokumentation, menschliche Aufsicht, Protokollierung, CE-Kennzeichnung — bleibt unverändert. Nur der Zeitpunkt der Anwendbarkeit wurde gestreckt.
Was trotzdem schon gilt
Drei Pflichten der KI-Verordnung sind unabhängig vom Digital Omnibus bereits in Kraft:
Art. 5 — Verbotene KI-Praktiken (seit 02.02.2025)
Bestimmte KI-Anwendungen sind verboten: Social Scoring durch öffentliche Stellen, manipulative KI-Systeme, die das Verhalten von Nutzern unbewusst beeinflussen, und biometrische Echtzeit-Fernidentifizierung im öffentlichen Raum zu Strafverfolgungszwecken. Verstöße: bis 35 Mio. Euro oder 7 Prozent des Jahresumsatzes.
Art. 4 — KI-Kompetenzpflicht (seit 02.02.2025)
Betriebe, die KI-Systeme einsetzen oder entwickeln, müssen sicherstellen, dass ihr Personal über ausreichende KI-Kompetenz verfügt. Das betrifft nicht nur Tech-Unternehmen — jeder Betrieb, der ChatGPT, Copilot, ein KI-Recruiting-Tool oder einen KI-gestützten Kundenservice einsetzt, fällt darunter.
Was das bedeutet: Schulungsnachweise müssen dokumentiert sein. Wer das nicht hat, ist angreifbar — auch schon heute.
Art. 50 — Transparenzpflicht (seit 02.08.2026)
Chatbots, KI-Agenten und Deep-Fake-Inhalte müssen für Nutzer klar als KI erkennbar sein. Wer einen KI-Chatbot auf der Website betreibt, ohne diesen als solchen zu kennzeichnen, verstößt bereits gegen die KI-Verordnung.
Die 8 Hochrisiko-Bereiche nach Anhang III
Ab dem 2. Dezember 2027 gelten strenge Pflichten für KI-Systeme in diesen Bereichen:
- Biometrische Identifizierung und Kategorisierung
- Kritische Infrastruktur (Energie, Wasser, Verkehr)
- Bildung und Berufsausbildung (automatisierte Bewertung)
- Beschäftigung und Personalmanagement — besonders relevant für KMU: KI im Recruiting, automatisierte Leistungsbeurteilung
- Zugang zu wesentlichen privaten und öffentlichen Diensten — Kredit-Scoring durch Banken und Finanzdienstleister
- Strafverfolgung
- Migration und Asyl
- Rechtspflege und demokratische Prozesse
Was das für KMU jetzt bedeutet
Nutzt dein Betrieb KI-Tools — auch kommerzielle wie ChatGPT oder Copilot — und sind die Mitarbeiter im Umgang damit nicht dokumentiert geschult? Dann besteht Handlungsbedarf bei Art. 4, und zwar seit 18 Monaten.
Betreibst du einen Chatbot auf deiner Website ohne Kennzeichnung als KI? Art. 50 gilt seit dem 2. August 2026.
Die gute Nachricht: Ein vollständiges Compliance-Programm für Hochrisiko-KI braucht es erst ab Dezember 2027. Die schlechte Nachricht: Wer die Zeit als Pause nutzt, hat die laufenden Pflichten bereits verpasst.
Drei Sofortmaßnahmen
- KI-Inventar: Welche KI-Tools werden eingesetzt, von wem, für welchen Zweck?
- Art. 4 dokumentieren: Internes Schulungsprotokoll anlegen — welche Mitarbeiter wurden im Umgang mit KI geschult?
- Chatbots prüfen: Sind alle KI-Schnittstellen für Nutzer als KI erkennbar?
Für Hochrisiko-Systeme (Anhang III) sollte die Zeit bis Dezember 2027 genutzt werden, um Systeme zu klassifizieren und ein Governance-Framework aufzubauen — nicht um abzuwarten.
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Disclaimer: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine Rechtsberatung. Für verbindliche Einschätzungen wende dich an einen Rechtsanwalt oder Compliance-Spezialisten.
Häufige Fragen
Was hat der Digital Omnibus an der KI-Verordnung geändert?+
Welche KI-Pflichten gelten für KMU schon jetzt?+
Was sind Hochrisiko-KI-Systeme nach Anhang III?+
Wie hoch sind die Bußgelder bei Verstößen gegen die KI-Verordnung?+
Was sollten KMU jetzt konkret tun?+
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Melde dich für die Macher-Session an- VO (EU) 2024/1689 — EU KI-Verordnung (EUR-Lex)
- Digital Omnibus on AI — IHK Schleswig-Holstein
- Änderungen der KI-Verordnung durch den Digitalen Omnibus — activeMind.legal
Hinweis: Allgemeine Einordnung, keine Rechtsberatung im Einzelfall. Stand: 14. August 2026.