MacherMentor
Regulierung

LkSG: Warum KMU-Zulieferer das Lieferkettengesetz trifft, obwohl es nicht für sie gilt

Von Joe Martin · · Regulierung

Infografik Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz: Weitergabe der Sorgfaltspflichten vom Großkunden ab 1.000 Beschäftigten über die Lieferkette zum KMU-Zulieferer, BAFA als Aufsicht, Bußgeldrahmen 8 Millionen Euro, Schutzgrenze nach Paragraf 9 LkSG

Der Fragebogen, den du nicht ablehnen kannst

Ein Betrieb mit 25 oder 50 Beschäftigten fällt nicht unter das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz. Trotzdem landet der Lieferketten-Fragebogen des Großkunden im Postfach — mit Rückmeldefrist, Code-of-Conduct-Anlage und der Bitte um Bestätigung der eigenen Prozesse.

Das ist kein Missverständnis, sondern die eingebaute Funktionsweise des Gesetzes. Das LkSG verpflichtet große Unternehmen, ihre gesamte Lieferkette zu prüfen. Prüfen können sie nur, indem sie fragen — bei ihren Zulieferern.

Wen das LkSG direkt verpflichtet

Das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz (BGBl. 2021 I S. 2959) gilt seit dem 1. Januar 2023 für Unternehmen ab 3.000 Beschäftigten im Inland. Seit dem 1. Januar 2024 liegt die Schwelle bei 1.000 Beschäftigten.

Diese Unternehmen müssen:

Aufsichtsbehörde ist das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA). Der Bußgeldrahmen reicht bis zu 8 Millionen Euro oder 2 Prozent des durchschnittlichen weltweiten Jahresumsatzes, wobei die umsatzbezogene Grenze erst ab einem Jahresumsatz von mehr als 400 Millionen Euro greift.

Warum es KMU trotzdem trifft

Die Pflicht des Großkunden endet nicht an seiner Werkstür. Er muss die Risiken in seiner Lieferkette kennen — also bei denen, die ihn beliefern. Für den KMU-Zulieferer entsteht daraus ein indirekter, aber sehr konkreter Anforderungsdruck:

Das Druckmittel ist nicht das Gesetz, sondern der Auftrag. Wer nicht liefert, was der Großkunde für seine eigene Dokumentation braucht, riskiert die Geschäftsbeziehung. Compliance wird über den Markt durchgesetzt, nicht über eine Behörde.

Die Grenze, die viele nicht kennen: § 9 LkSG

Das Gesetz überträgt die Pflichten ausdrücklich nicht eins zu eins nach unten. Maßstab jeder Anforderung ist die Angemessenheit. Nach § 9 LkSG darf das verpflichtete Unternehmen bei mittelbaren Zulieferern angemessene Präventionsmaßnahmen verankern — bemessen an vier Kriterien:

Daraus folgt praktisch: Ein Handwerksbetrieb mit 30 Beschäftigten und einer überschaubaren Vorkette schuldet keinem Großkunden ein Lieferketten-Managementsystem im Format eines Konzerns. Anforderungen, die außer Verhältnis zu Größe und tatsächlichem Einfluss stehen, sind vom LkSG nicht gedeckt — sie sind verhandelbar.

Das hilft aber nur, wer die Grenze kennt und benennen kann. Wer jeden Fragebogen ungeprüft ausfüllt, baut sich Zusicherungen ein, für die er später einstehen muss.

Was die BAFA seit 2026 tatsächlich macht

Die BAFA hat den Schwerpunkt von der Berichtsentgegennahme auf die inhaltliche Prüfung verlagert und geht dabei risikobasiert vor: Sie prüft dort genauer, wo Branche, Beschaffungsregion oder Hinweise auf Verstöße ein erhöhtes Risiko nahelegen. Der Ansatz ist dialogisch angelegt — Beratung und Nachbesserung stehen vor der Sanktion.

Für Zulieferer bedeutet das: Der Prüfdruck bei den Großkunden steigt und wandert als Nachfragedruck in die Lieferkette. Die Fragebögen werden nicht weniger, sondern präziser.

Und dann kommt die CSDDD

Die europäische Richtlinie über die Sorgfaltspflichten von Unternehmen im Bereich der Nachhaltigkeit (CSDDD) ist beschlossen, aber noch nicht anwendbar. Sie greift stufenweise ab 2029 und setzt mit rund 5.000 Beschäftigten und 1,5 Milliarden Euro Umsatz deutlich höhere Schwellen an als das LkSG. Das deutsche Gesetz verschwindet dadurch nicht automatisch.

Für KMU-Zulieferer heißt das: erst einmal ein System, das über den Auftraggeber wirkt — später womöglich zwei Ebenen mit derselben Logik und wachsendem Dokumentationsaufwand. Details zur europäischen Ebene: CSDDD — die EU-Lieferkettenrichtlinie.

Was jetzt zu tun ist

Bestandsaufnahme der Kunden. Welche deiner Auftraggeber liegen über 1.000 Beschäftigten? Von genau dort kommen die Anforderungen — und nur dort sind sie im LkSG verankert.

Antworten einmal sauber vorbereiten. Ein kurzes Dokument zu Arbeitsbedingungen, Vorlieferanten und Herkunftsländern beantwortet die meisten Fragebögen. Einmal erstellt, spart es bei jedem weiteren Kunden Zeit.

Vertragsklauseln lesen, bevor du unterschreibst. Zusicherungen über die gesamte Vorkette, unbegrenzte Auditrechte oder Freistellungen sind der Punkt, an dem aus fremder Pflicht dein Haftungsrisiko wird.

Unverhältnismäßiges zurückweisen — mit Begründung. § 9 LkSG ist das Argument. Es wirkt besser als pauschale Ablehnung, weil es die Pflicht des Kunden anerkennt und nur deren Reichweite begrenzt.

Berichtspflichten aus anderen Richtungen laufen parallel dazu: CSRD — Nachhaltigkeitsbericht und die EU-Entwaldungsverordnung (EUDR) treffen Zulieferer über denselben Mechanismus — Nachweispflicht des Großen, Datenbeschaffung beim Kleinen.

Melde dich für die Macher-Session an: macher-mentor.de

Häufige Fragen

Gilt das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz auch für kleine Unternehmen?+
Nein. Das LkSG verpflichtet unmittelbar nur Unternehmen mit mindestens 1.000 Beschäftigten im Inland; seit dem 1. Januar 2023 galt zunächst die Schwelle von 3.000 Beschäftigten, seit dem 1. Januar 2024 gilt die Schwelle von 1.000. Kleine und mittlere Unternehmen haben keine eigene gesetzliche Sorgfaltspflicht nach dem LkSG. Sie werden aber vertraglich einbezogen, wenn sie an ein verpflichtetes Unternehmen liefern, weil dieses seine Lieferkette prüfen und dokumentieren muss.
Was darf ein Großkunde von mir als Zulieferer verlangen?+
§ 9 LkSG erlaubt dem verpflichteten Unternehmen, angemessene Präventionsmaßnahmen bei mittelbaren Zulieferern zu verankern. Maßstab ist die Angemessenheit: Art und Umfang der Geschäftstätigkeit, das Einflussvermögen auf den Verursacher, die Schwere der möglichen Verletzung und der eigene Verursachungsbeitrag. Anforderungen, die außer Verhältnis zu deiner Größe und deinem tatsächlichen Einfluss auf die Vorkette stehen, sind vom Gesetz nicht gedeckt.
Wie hoch sind die Bußgelder nach dem LkSG?+
Der Bußgeldrahmen liegt bei bis zu 8 Millionen Euro oder bis zu 2 Prozent des durchschnittlichen weltweiten Jahresumsatzes; die umsatzbezogene Obergrenze greift ab einem Jahresumsatz von mehr als 400 Millionen Euro. Für einen nicht oder verspätet eingereichten Bericht sieht der Bußgeldkatalog der BAFA gesonderte Beträge vor. Adressat der Bußgelder ist immer das verpflichtete Unternehmen, nicht der KMU-Zulieferer.
Was prüft die BAFA und ab wann?+
Zuständige Aufsichtsbehörde ist das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle. Die BAFA nimmt die eingereichten Berichte entgegen und geht risikobasiert vor, statt flächendeckend zu prüfen. Sie kann Auskünfte verlangen, Unterlagen anfordern, Geschäftsräume betreten und Abhilfemaßnahmen anordnen. In der Praxis steht der dialogische Ansatz im Vordergrund: Beratung und Nachbesserung vor Sanktion.
Was ist der Unterschied zwischen LkSG und CSDDD?+
Das LkSG ist deutsches Recht und gilt seit 2023 beziehungsweise 2024. Die europäische Richtlinie über die Sorgfaltspflichten von Unternehmen im Bereich der Nachhaltigkeit (CSDDD) ist noch nicht anwendbar; sie greift stufenweise ab 2029 und setzt mit rund 5.000 Beschäftigten und 1,5 Milliarden Euro Umsatz deutlich höhere Schwellen an. Für KMU-Zulieferer heißt das: Das LkSG bleibt der praktisch relevante Treiber, die CSDDD kommt später als zweite Ebene darüber.

Du willst wissen, was das für deinen Betrieb bedeutet?

In der Macher-Session sprechen wir über genau solche Themen — konkret, ohne Theorie-Kurs.

Melde dich für die Macher-Session an

Über den Autor

Joe Martin baut seit über 45 Jahren Unternehmen — als Gründer, als Verkäufer eigener Firmen und als Berater für Startups und Banken. Er ist Autor von vier Büchern und entwickelt heute KI-Software. In der offenen Macher-Session beantwortet er reale Unternehmer-Fragen — kein Theorie-Kurs. Mehr über Joe Martin →

← Zurück zum Blog